Der FC Schweinfurt 05 will Zentrum des Frauenfußballs werden

16.03.2021 - von foto2press/Frank Scheuring Dieter Kölbl, hier noch in Diensten des ETSV Würzburg, ist seit gut einem Jahr Trainer bei den Frauen des FC Schweinfurt 05. Gemeinsam haben sie große Pläne.
Mit dem neuen Trainer kommen ehrgeizige Pläne. Dieter Kölbl hat am Standort Schweinfurt viel vor und verweist auf Bedingungen, wie sie in Unterfranken ihresgleichen suchen.

Am 31. Oktober 1970 hob der Deutsche Fußballbund auf seinem Verbandstag in Travemünde das 15 Jahre zuvor erlassene Frauenfußballverbot wieder auf. Quasi über Nacht gründete sich 600 Kilometer weiter südlich in Schweinfurt beim FC 05 eine Frauenfußballabteilung. Das halbe Jahrhundert, in dem die Fußballerinnen mittlerweile Teil des Vereins sind, sollte vergangenes Jahr eigentlich gebührend gefeiert werden. Die Corona-Pandemie machte ein rauschendes Jubiläumsfest aber unmöglich. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Ihre eigene lange Geschichte möchte die Abteilung künftig mit neuen erfolgreichen Kapiteln anreichern.

Der Frauenfußball lässt sich durch Corona offenbar nicht ausbremsen – zumindest nicht beim FC 05. Im Gegenteil: Abteilungsleiter Andreas Braun sprüht fast vor Tatendrang. Auch Spielerinnen sind bisher noch nicht abgesprungen. Vom vielerorts beschriebenen “Corona-Blues” unter Vereinen ist hier nichts zu spüren. Auch wenn noch nicht absehbar ist, wann die Fußballerinnen wieder auf den Rasen dürfen, wird eifrig an der Zukunft gebastelt.

 

Das ehrgeizige Ziel heißt Regionalliga

Ein tristes Nischen-Dasein innerhalb des großen Vereins gehört nicht zum Plan. Schon im Januar 2020, als noch keiner die Pandemie kommen sah, setzte die Abteilung mit der Verpflichtung von Dieter Kölbl als Trainer der ersten Mannschaft ein deutliches Ausrufezeichen. DFB-Lizenzinhaber Kölbl hatte sich in der Vergangenheit durch seine Trainerarbeit beim ETSV Würzburg und später beim SC Würzburg Heuchelhof einen Namen im Frauenfußball gemacht und stand zuletzt auch bei der SpVgg Greuther Fürth als Co-Trainer an der Seitenlinie.

Seine aktuelle Mannschaft möchte er raus aus der Landesliga und hinein in die Bayernliga führen. Möglichst flott. Mittelfristig heißt das Ziel sogar Regionalliga. Der Lengfelder erkennt am Standort Schweinfurt großes Potenzial für den Frauenfußball.

“Wir sind noch immer das Stiefkind des deutschen Fußballs.”

Dieter Kölbl über den Stellenwert des Frauenfußballs

Denkt er an seine Würzburger Zeit zurück, kommen ihm gleich die widrigen Umstände beim ETSV Würzburg in den Sinn oder auch die Suche nach geeigneten Trainingsplätzen der Würzburger Kickers vor ein paar Jahren. “Solche Bedingungen wie hier in Schweinfurt findet man in ganz Unterfranken nicht”, betont er. Selbst bei der SpVgg Greuther Fürth seien sie schlechter gewesen. Dort mussten die Fußballerinnen oft auf dem halben Spielfeld trainieren.

Auf Augenhöhe mit dem männlichen Nachwuchs

Die Fußballerinnen sind beim FC 05 keine Nebendarstellerinnen, sagt Abteilungsleiter Braun, der auch die U-17-Juniorinnen trainiert: “Wir sind hier im Verein auf Augenhöhe mit den Jungs.” Gemeint ist damit der Nachwuchsbereich und die enge Zusammenarbeit mit dem NLZ. “Hier herrscht gegenseitige Rücksichtnahme. Ich bin sehr zufrieden”, sagt Braun.

 

Potenzial  vorhanden: Die Schweinfurter Torjägerin Antonia Heider (rechts, im Zweikampf mit Fabienne Väth vom TSV Frickenhausen).
Foto: Steffen Krapf | Potenzial  vorhanden: Die Schweinfurter Torjägerin Antonia Heider (rechts, im Zweikampf mit Fabienne Väth vom TSV Frickenhausen).

 

FC-05-Jugendvorstand Dominik Groß lebe das vor, so Braun. Den Frauen- und Mädchenteams stehen gleichberechtigt immer Plätze für Training und Spiele zur Verfügung. Die interne Verknüpfung trägt auch in der Pandemie-Zeit Früchte, in der Mädchen und Jungs die wöchentlichen Cyber-Athletiktrainings gemeinsam nutzen.

Kölbl hat auch ein Vakuum für den Mädchenfußball in der Region erkannt. Der nächste DFB-Stützpunkt befindet sich in Schwarzach (Lkr. Kitzingen) – für Jugendliche etwa aus dem Rhön-Grabfeld weit weg. Deshalb will der FC 05 mit ihm als Trainer – wenn es wieder erlaubt ist – jeden Dienstag ein Fördertraining für Jugendfußballerinnen anbieten, in dem gezielt an der Technik und den koordinativen Fähigkeiten der Spielerinnen gearbeitet wird. Teilnehmen können daran prinzipiell alle begeisterten Fußballerinnen, nicht nur die des FC 05, Anfängerinnen seien ebenfalls willkommen. Auch Themen wie das Zusatzspielrecht sollen weiter vorangetrieben werden. Schweinfurt will eine moderne und bestmögliche Ausbildung für Fußball-Talente bieten, mit Anschluss an den Leistungssport.

Beim FC 05 haben sie das große Ganze im Blick

Die beiden Macher bei den FC 05-Frauen haben das große Ganze im Blick. Freilich ohne die kurzfristigen Ziele zu vernachlässigen, wie das spannende Meisterschaftsrennen bei den U-17-Juniorinnen, die kurz vor dem Aufstieg in die Bayernliga stehen.

Wichtiger noch ist ihnen aber die strukturelle Arbeit für die nächsten Jahre, in denen das fußballerische Potenzial der Main-Rhön-Region sowie die Möglichkeiten im Verein ausgeschöpft werden sollen. Dafür ist der Verein auch auf der Suche nach Trainern, Co-Trainern und Spielerinnen im Juniorenbereich. Die Frauen sollen eines Tages regelmäßig von den Zugängen aus dem eigenen Nachwuchs profitieren.

Frauenfußball erfährt zu wenig Wertschätzung

Braun und Kölbl wollen das Gaspedal dabei ordentlich durchtreten. “Im Frauenfußball muss man eben um alles kämpfen”, sagt der erfahrene Trainer Kölbl: “Wir sind noch immer das Stiefkind des deutschen Fußballs.” Der 64-Jährige hat drei Jahrzehnte lang Jugendteams der Männer trainiert. “Aber die wissen und können doch sowieso alles besser”, sagt er spitz. “Da ist der Trainer nur Nebensache. Die Mädels sind engagierter und versuchen immer alles umzusetzen.”

Kölbl bezweifelt, dass die Männer den Aufwand, den seine Spielerinnen auf sich nehmen, überhaupt betreiben würden. Die Auswärtsfahrten in der Landesliga etwa werden ehrenamtlich mit privaten Autos zurückgelegt. Kaum denkbar beim anderen Geschlecht. “Wenn ich als A-Klassenverein zu einer Firma gehe, drücken sie dir 10 000 Euro in die Hand”, skizziert Kölbl: “Wenn du sagst, du bist Bayernligist im Frauenfußball…” Er beendet den Satz nicht. Es ist klar, was er meint.

Der Frauenfußball erfährt für Kölbl längst noch nicht die Wertschätzung, die er verdient habe. “Im Herrenbereich werden ab einer gewissen Spielklasse nur die Hände aufgehalten”, sagt er: “Die Frauen machen all das aus Spaß und Freude am Fußball. Das ist der Unterschied.” Bis zur Gleichberechtigung im Fußball sind wohl noch viele Schritte zu gehen. Der FC 05 schreitet mit großen voran.